Die Sorgen der Ärzte

Regress bei Cannabis auf Rezept: Sorgen der Ärzteschaft

(Autor: Gesa Riedewald / Verõffentlicht am: 8. August 2018)  Sachlage in Deutschland

Viele Ärztinnen und Ärzte scheuen sich, Cannabis auf Rezept zu verschreiben. Ein wichtiger Grund ist die Sorge vor Regress. Was genau steckt hinter dem Regressrisiko? Wir von Leafly.de klären auf. Außerdem haben wir bei den großen Kassen AOK, Barmer, TK und DAK nachgefragt: Wie beurteilen sie das Problem? Und wie können sich Ärzte vor Regress bei Cannabis auf Rezept schützen?

Die Therapie mit Cannabis als Medizin ist noch immer neu. Innerhalb der Ärzteschaft herrscht viel Unsicherheit – auch in Bezug darauf, wie die Krankenkassen auf Cannabis-Arzneimittel reagieren. Bei den herkömmlichen Medikamenten kennen die Ärzte ihre Budgets. Wenn es um die Verschreibung von Cannabis geht, sind jedoch viele Mediziner sehr vorsichtig. Sie machen sich Sorgen wegen eines möglichen Regresses. Diese subjektiven Ängste lassen die Vertragsärzte davor zurückschrecken, Cannabis auf Rezept zu verordnen. Denn ein Regress kann für den Arzt extrem teuer werden.

Sind Regressängste bei Cannabis als Medizin berechtigt – oder sind das Gespenstergeschichten? Die Standesvertreter der Ärzteschaft jedenfalls warnen regelmäßig vor dem Regressrisiko bei Cannabis auf Rezept. Viele Ärzte sind so eingeschüchtert, dass sie Cannabis nur noch auf Privatrezept verschreiben. Dabei war es ja Ziel des neuen Cannabisgesetzes vom März 2017, dass die Therapie mit Medizinalhanf von der Krankenkasse getragen wird. Aber auch die Ärztekammer Nordrhein beispielsweise rät Ärztinnen und Ärzten, Cannabis per Privatrezept zu verschreiben. (Leafly.de berichtete.)

Regress bei Cannabis auf Rezept
Möchte ein Arzt oder eine Ärztin Cannabis als Medizin verschreiben, gelten besondere Voraussetzungen. So hat der Gesetzgeber beispielsweise festgelegt, dass die Erstverordnung eines Cannabis-Rezeptes erst nach der Prüfung durch die Krankenkasse erfolgen darf. Nur wenn die Kasse die Cannabis-Behandlung genehmigt, kann der Mediziner ein Rezept zulasten der gesetzlichen Krankenkasse ausstellen.

Aufgrund dieser speziellen Hürde sollte sich eigentlich die Frage nach dem Regressrisiko für Ärzte gar nicht stellen – wie auch die Ärzte Zeitung online bemerkt. Denn die Krankenkasse hat die Behandlung ja bereits genehmigt. Leider ist es aber nicht so einfach: Die Krankenkassen behalten sich trotz der bereits erfolgten Genehmigung vor, unwirtschaftliches Verhalten nachträglich zu prüfen – und eventuell einen Regress zu fordern.

Regress – was genau ist das?
Ärztinnen und Ärzte, die Medikamente, Heilmittel oder Anwendungen in zu hohen Mengen verordnen, riskieren einen Regress. Das bedeutet, dass die Kosten für eine Behandlung im Nachhinein nicht von der Krankenkasse übernommen werden, sondern stattdessen der verschreibende Arzt sie tragen muss. Die Höhe des Regresses richtet sich nach der Höhe der verordneten Arznei- und Heilmittel. Ein Regress kann noch zwei Jahre rückwirkend auf eine Arztpraxis zukommen.

Regresse sind das Ergebnis einer Wirtschaftlichkeitsprüfung. Durch den Regress soll ein finanzieller Schaden ausgeglichen werden, der den Krankenkassen entstanden ist. Solche Sanktionen gegen Vertragsärzte, die unwirtschaftlich handeln, sollen dafür sorgen, dass das System der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) bezahlbar bleibt. Denn eine kostenintensive Verschreibungspraxis einzelner Mediziner muss von der Gemeinschaft der Versicherten bezahlt werden.


Cannabis zunächst am besten per Privatrezept verordnen!

Ärzte Zeitung online, 27.12.2017

Bei der Verordnung von Cannabis auf Rezept herrscht immer noch große Unsicherheit. Hier einige Tipps von Experten.

DÜSSELDORF. Wenn Ärzte einem Patienten Cannabis verordnen, sollten sie das zunächst auf einem Privatrezept tun und es nach der Genehmigung durch die Krankenkasse durch ein Kassenrezept ersetzen. Bislang gehen die Kassen eher restriktiv mit der seit dem 10. März 2017 erlaubten Verordnung von Cannabisblüten und Cannabisextrakt zu medizinischen Zwecken um.

Nach der erstmaligen Verordnung durch den Arzt müssen Patienten das Rezept zur Genehmigung bei ihrer Kasse einreichen, die in der Regel den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung einschaltet. „Nach unserer Kenntnis werden im Moment rund 60 Prozent aller Anträge abgelehnt“, berichtete Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein, auf dem Symposium „Cannabis auf Rezept? Cannabinoide in der Medizin“ der Ärztekammer Nordrhein (ÄKNo) in Düsseldorf.

Reges Interesse bei Ärzten
Die Veranstaltung war auf eine große Resonanz gestoßen, rund 350 Ärztinnen und Ärzte hatten sich angemeldet. „Es herrscht eine große Unsicherheit“, sagte Dr. Anne Bunte, Leiterin des Kölner Gesundheitsamtes. Rund um die Verordnung von Cannabis gebe es noch eine Reihe ungeklärter Fragen.

Wenn Patienten ein Betäubungsmittel-Rezept in der Apotheke einreichen, müssten die Apotheker nicht prüfen, ob es auch erstattungsfähig ist, betonte Preis. Lehnt die Kasse die Erstattung ab, das Rezept ist aber schon eingelöst, drohen dem Arzt Probleme. „Er sollte erst dann ein GKV-Rezept ausstellen, wenn die Genehmigung da ist“, empfahl Preis.

In Nordrhein hat der MDK einen Fragebogen erarbeitet, mit dem er vom Arzt eine Begründung einfordert, warum er ein Cannabinoid verordnet hat, berichtete Dr. Monika Schutte, Referentin in der Arzneimittelberatung der ÄKNo. „Der MDK will wissen, warum der Arzt eine Erkrankung für schwerwiegend hält und warum es keine Alternative gibt“, nannte sie Beispiele.

Ungeklärt sei, ob bei einer Veränderung der Dosierung oder einem Wechsel des Präparats eine neue Genehmigung notwendig ist. „Da es sich um eine Einzelgenehmigung handelt, empfiehlt die KV Nordrhein, eine neue Genehmigung einzuholen“, sagte die Ärztin.

Steigende Verordnungszahlen
Dr. Mustafa Temmuz Oglakcioglu vom Institut für Strafrecht, Strafprozessrecht, Kriminologie der Universität Erlangen empfahl Ärzten, sich mit den Begutachtungskriterien des MDK vertraut zu machen. „Sie können ihre Stellungnahme dann entsprechend ausrichten.“ Die Angabe, der Patient wünsche eine Behandlung mit Cannabis, sei jedenfalls nicht ausreichend, betonte der Jurist. Auch der Verweis auf Therapieerfolge genüge nicht. „Der Arzt hat eine konkrete Diagnose zu stellen, die zu der entsprechenden Verordnung führt, die Verordnung muss indiziert sein.“

Bei Indikationen, bei denen Patienten in der Vergangenheit eine Ausnahmeerlaubnis nach Paragraf 3, II Betäubungsmittelgesetz erhalten konnten, bewegten sich Ärzte auf sicherem Terrain, schätzt Oglakcioglu. Das sind Multiple Sklerose, Tourette-Syndrom, Depressive Störungen und ADHS. Das strafrechtliche Risiko von Ärzten bei der Verordnung von Cannabinoiden hält er zurzeit für „eher gering“. Bei der Verordnung müssten sie sich allerdings an die Höchstmenge halten. Ärzte dürfen innerhalb von 30 Tagen nicht mehr als 100 000 Milligramm Cannabis in Form von getrockneten Blüten verschreiben. „Ein Verstoß kann als Straftat sanktioniert werden.“

Seit März habe die Zahl der Rezepte zulasten der gesetzlichen Krankenkassen kontinuierlich zugenommen, berichtete Apotheker Preis. „Die Zahlen werden aber nicht so stark weiter steigen, weil wir mit erheblichen Lieferschwierigkeiten zu kämpfen haben.“ Zurzeit werden Cannabisblüten hauptsächlich aus den Niederlanden und Kanada importiert. Es werde noch dauern, bis medizinisches Cannabis in ausreichendem Maß in Deutschland produziert und durch die „Cannabis-Agentur“ in Verkehr gebracht wird. „Wir werden frühestens 2019 eigenes Cannabis in Deutschland haben“, prognostizierte Preis.

Wenn eine Sorte nicht lieferbar sei, halte der Apotheker in der Regel Rücksprache mit dem Arzt, ob er eine andere Sorte besorgen soll. „Sie müssen dann ein neues Rezept ausstellen und das alte vernichten“, sagte er den Ärzten. Wegen der Lieferschwierigkeiten könne es passen, dass die Sieben-Tage-Frist für die Gültigkeit der BtM-Rezepte verstreicht. „Auch dann müssen Ärzte ein neues Rezept ausstellen, sonst zahlen die Krankenkassen nicht.“ (iss)

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